Jobs für Menschen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten
Specialisterne integriert Menschen aus dem Autismus-Spektrum in den Arbeitsmarkt – vor allem für Jobs, wo Genauigkeit und Null Fehler-Toleranz gefragt sind.



Menschen mit besonderen Stärken ist eine ziemlich genaue Beschreibung jener Kandidaten, um die sich die Agentur "Specialisterne" (dänisch für: die Spezialisten) kümmert: Sie vermittelt Menschen aus dem Autismus-Spektrum an Unternehmen – vor allem für Jobs, wo Genauigkeit und Null-Fehler-Toleranz gefragt sind.
Port41 hat mit Michael Unger, dessen Firma Suxxesso komplexe SAP-Testing Lösungen anbietet, und mit Christine Krautzer von Specialisterne gesprochen.
Suche nach ganz spezifischen Fachkräften
Michael Unger: Unser Unternehmen hat ein sehr spezielles Programm entwickelt, die suxxesso-Test-Suite, mit dem unsere Kunden ihre SAP-Lösungen automatisiert testen können. Um das Programm auf die konkreten Anforderungen unserer Kunden anzupassen, muss eine riesige Menge an Daten eingegeben werden. Diese Arbeit stellt ganz spezifische Anforderungen an die damit betrauten Mitarbeiter.
Specialisterne habe ich auf einer SAP-Konferenz kennengelernt und mir gedacht: Die von ihnen vermittelten Personen könnten genau die von uns gesuchten Spezialisten sein.
Christine Krautzer: Uns war es wichtig, dieses Interview bei unserem Kunden Suxxesso zu führen, weil es kaum möglich ist, das Thema Autismus und Arbeitsplatz abstrakt und von den handelnden Personen unabhängig zu behandeln. Wie alle Menschen sind auch unsere Kandidaten individuelle Persönlichkeiten. Unsere Aufgabe ist es, die jeweils zu ihnen passende Beschäftigung und einen aufgeschlossenen Arbeitgeber zu finden.
Ausbildung zum Certified Software Tester
Christine Krautzer: Im konkreten Fall ist es Jakob, der nun schon seit mehr als einem Jahr hier bei Suxxesso in der Softwaretestung arbeitet. Jakob wurde für seine Aufgabe speziell ausgebildet: In Zusammenarbeit mit dem IT-Unternehmen Nagarro haben wir eine maßgeschneiderte Ausbildung entwickelt – den TestingPro-Kurs. Er schließt mit einem international anerkannten ISTQB® Zertifikat ab, das dem Teilnehmer bescheinigt, dass er sämtliche Voraussetzungen für einen Job als Software-Tester erfüllt. Dementsprechend hoch ist auch unsere Vermittlungsquote.
Michael Unger: Etwa ein Jahr, nachdem ich Specialisterne kennen gelernt hatte, haben wir uns wieder getroffen, da wusste ich schon, wie ich deren Angebot für mein Unternehmen nutzen konnte. Man kann die von ihnen vermittelten Menschen eher nicht in der Arbeit bei einem Kunden einsetzen, da kommen zu viele ablenkende Faktoren ins Spiel. Aber wir haben einen großen Bedarf an Software-Testern, und genau da sah ich die passende Gelegenheit.
Ein Rahmen für gemeinsame Erfolge
Michael Unger: Von Jakob war ich gleich begeistert, von allen Teilnehmern beim Test zur ISTQB Zertifizierung war er österreichweit der Siebentbeste – und das mit einundzwanzig Jahren! Wir haben ihn dann zu unserem internen Testtag eingeladen. Von allen Kandidaten für den Job war er eindeutig der Beste, natürlich habe ich ihn eingestellt.
Christine Krautzer: Mit einer Anstellung beginnt ein weiterer wichtiger Teil unserer Arbeit: Wir sehen unsere Rolle auch in langfristiger Beratung und Betreuung des Unternehmens. Es ist ganz und gar nicht so, wie viele vermuten, dass Menschen im Autismus-Spektrum nicht für das Arbeitsleben geeignet wären. Sie brauchen aber eine Arbeitsumgebung, in der sie konzentriert arbeiten können. Es ist etwa ausgesprochen wichtig, ihm oder ihr eine ganz genau umrissene Aufgabe zu stellen, exakt zu erklären, was erwartet wird. Und ihn dann mit möglichst wenig Ablenkung seine Arbeit machen zu lassen. Das muss auch den anderen Mitarbeitern kommuniziert werden, und das begleiten wir professionell mit unseren Coaches.
Erfolgsfaktoren Integration und Teambuidling
Michael Unger: In unserem Unternehmen hat die Einstellung von Jakob auch einen zusätzlichen positiven Effekt gehabt: Die Mitarbeiter haben seine Integration als gemeinsames Ziel aufgefasst und das hat einen Teambuilding-Prozess zur Folge gehabt. Ich habe mir genau überlegt, wer im Team was genau zu machen hat, also die Struktur der Firma überprüft und im Endeffekt wahrscheinlich verbessert.
Darüber hinaus hat die bewusste Anstrengung, mit Jakob so zu kommunizieren, wie es seine Persönlichkeit erfordert, auch den Umgang mit meinen anderen technischen Mitarbeitern stressärmer werden lassen. Alle profitieren von einer klaren und strukturierten Kommunikation..
Stärken fördern, Schwächen ausgleichen
Christine Krautzer: Was Menschen wie Jakob – über die fachspezifische Ausbildung hinaus – oft für so einen Job mitbringen, sind ein sehr starkes visuelles Gedächtnis, logisches, analytisches Denken, hohe Detailgenauigkeit und sie können Muster schnell und genau erkennen.
Bei Specialisterne bieten wir Kurse an, wo sie bestimmte Programme kennenlernen und sich mit der Materie vertraut machen können. Wir versuchen, Talente, die Menschen mit Asperger-Syndrom oft verstärkt aufweisen, herauszuarbeiten und dadurch die oft geringere Kommunikationskompetenz etwas auszugleichen.
Speziell in der IT-Branche gibt es zu wenige Fachkräfte. Wenn wir eine offene Stelle finden, wo einer unserer Kandidaten passt, ist das meist für beide Seiten ein Gewinn.
Was Maschinen noch nicht können
Michael Unger: Unsere Testanwendung arbeitet dynamisch, das heißt, sie liest während der automatisierten Testdurchführung logisch die Testdaten aus der Datenbank aus, um die Korrektheit des Prozesses sicherzustellen. Hier kommt Jakob ins Spiel: Er programmiert die komplexen Abfragen zwischen den Testfällen und der Datenbank mit den spezifischen Informationen des Kunden.
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Dafür muss man Informationen in hunderten unterschiedlichsten Tabellen finden und die Struktur verstehen, mit der das SAP System Datensätze ablegt. Es ist eine hochgradig abstrakte Arbeit, für die man viel Erfahrung und Know-how mitbringen muss, und die eine hohe Konzentration und Detailgenauigkeit erfordert. Nach einer automatisierten Aufzeichnung erfolgt die logische Anbindung an die Datenbank. Doch bevor es soweit ist, muss jemand sehr präzise die Testanforderungen analysieren und in Progammcodes umsetzen. Und genau hier liegt eine der großen Stärken von Jakob: Er lässt sich nicht ablenken und zieht das konzentriert durch.
Sicherheit dank eines starken Teams
Michael Unger: Wir bemühen uns, Jakob dafür Sicherheit, Berechenbarkeit und jene Struktur im Alltag zu bieten, die er für seine Arbeit braucht. Dafür bekommen wir erstklassige Arbeit ohne Ablenkungen. Jakob surft nicht im Internet oder führt schnell einmal ein Telefonat, wie andere das gerne manchmal tun, das natürlich im Rahmen ok wäre.
Jakob hat mittlerweile auch schon einen größeren Veränderungsprozess in der Firma mitgemacht – etwas, was bei Menschen wie ihm als eher problematisch angesehen wird. Er hat die Umstellung aber gut bewältigt. Wobei sich auch da wieder gezeigt hat, wie wichtig der Zusammenhalt im Team ist. Aber der gilt ja ganz generell als Basis für den Erfolg einer Firma. Ich bin jedenfalls froh, Jakob als Bereicherung unseres Teams bekommen zu haben.
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