Wie ein Mitgliederladen Bio-Produkte leistbar macht
Lebensmittel-Kooperativen erleben als hippe Food Coops und Mitgliederläden ein Revival. Dalida Horvat und Peter Lieber erklären, wie das Modell funktioniert.




Der Wunsch, biologisch produzierte Produkte zu fairen Preisen anzubieten, hat Dalida Horvat auf die Idee gebracht, einen Mitgliederladen zu gründen. IT-Unternehmer Peter Lieber hat sich sofort begeistert an dem Klosterneuburger Start-up beteiligt.
Vorbild Lebensmittelkooperative
Dalida: Begonnen hat alles damit, das eine Bekannte Bio-Produkte zu erschwinglichen Preisen anbieten wollte und auf das Konzept der Food Coops gestoßen ist. Dahinter steckt nichts anderes als die gute alte Lebensmittelkooperative, also ein Zusammenschluss von Haushalten, die gemeinsam Produkte direkt von lokalen Bauernhöfen, Gärtnereien oder Imkereien kaufen. Unter dem trendigen Begriff Food Coop erleben solche Zusammenschlüsse heute ein echtes Revival.
Bei einer echten Food Coop müssen allerdings die Teilhabenden mitarbeiten, das erschien für Klosterneuburg nicht praktikabel. Aber, so die Überlegung, ein Mitgliederladen müsste funktionieren. Das Konzept sieht dabei so aus, dass man gegen einen regelmäßigen Beitrag die Berechtigung bekommt, Produkte zu günstigeren Preisen einzukaufen, wobei den Großteil der Fixkosten des Geschäfts von den Mitgliedsbeiträge abgedeckt werden sollten.
Kapitalgeber gesucht
Dalida: Wir haben uns auf die Suche nach ein Lokal gemacht und überlegt, wie wir die Anfangsinvestitionen aufbringen könnten, ganz ohne Kapital funktioniert eine Geschäftsgründung ja nicht. Ich habe also die Idee in meinem Bekanntenkreis herumerzählt und Peter hat sich rasch dafür erwärmt. 2015 haben wir eine Kommanditgesellschaft mit Peter als Komplementär gegründet und kredenz.me eröffnet.
Peter: Mich hat das Konzept sofort überzeugt, schon weil man für einen Lebensmittelladen wesentlich weniger Startkapital benötigt, als für eine Softwarefirma. Eine Registrierkassa, ein paar Regale und Kühlschränke – das ist es.
Nachhaltiges Geschäftsmodell
Peter: Was mich speziell am Mitgliederladen interessiert hat, war der Ansatz, vom Einmalgeschäft wegzukommen. Das beschäftigt uns seit einiger Zeit auch in der Softwarebranche. Da arbeiten wir mit Cloud-Modellen, man bezahlt einen geringen regelmäßigen Beitrag und bekommt dafür eine bestimmte Leistung. Ähnlich funktioniert es beim Mitgliederladen, wo die Fixkosten wie Miete und Personalkosten von den regelmäßigen Beiträgen der Mitglieder abgedeckt werden. Wodurch sich natürlich die Verkaufspreise genauer und damit knapper kalkulieren lassen, und genau diesen Vorteil geben wir dann unseren Kunden weiter. Darüber hinaus gibt es aber bei all unseren Produkten auch einen Preis für Laufkundschaft, der dann entsprechend höher ausfällt.
Bei kredenz.me zahlen die Mitglieder also einen Mitgliedsbeitrag und einen transparent kalkulierten Preis, der sich aus dem Einkaufspreis und einer so genannten Schwundpauschale zusammensetzt. Diese deckt zum Beispiel bei Brot, Obst und Gemüse und anderer Frischware jene Verluste ab, die entstehen, wenn sie nicht rechtzeitig verkauft werden können, und macht – je nach Produktgruppe – zwischen 12 und 15 Prozent aus. So müssen wir uns nicht den üblichen unangenehmen Rabattschlachten im Handel aussetzen, unsere Mitglieder kaufen immer günstig und wissen das auch.
Mitgliedsbeiträge decken die Basisausgaben
Die Beiträge sind nach Haushaltsgröße gestaffelt: Ein Erwachsener zahlt zum Beispiel 19 Euro im Monat, zwei Erwachsene mit Kindern 41 Euro. Wir nehmen aber auch Rücksicht auf finanzielle Notlagen, eine bedürftige Familie etwa zahlt monatlich nur 20 Euro. Und wir haben einige Mitglieder, die Patenschaften für andere übernehmen und deren Beitrag bezahlen.
Die kritische Größe von 100 Kunden haben wir recht rasch erreicht, jetzt ermöglicht uns deren Beitrag, das Risiko zu minimieren. Auch wenn im Sommer kaum noch jemand in Klosterneuburg ist und das Geschäft merklich nachlässt, können wir durch die Mitgliedsbeiträge die Fixkosten problemlos abdecken und eine Grundversorgung sicherstellen.
Letztes Jahr haben wir versucht, über den Sommer die Öffnungszeiten einzuschränken, aber das geht heutzutage einfach nicht. Die Menschen wollen jederzeit einkaufen können, wenn wir zu hätten, würden sie einfach zu irgendeinem der zahllosen Supermärkte an den Kreisverkehren fahren und ihr Geld dort lassen.
Der richtige Standort
Dalida: Unser erstes Lokal lag im Souterrain, das bedeutet zwar gute natürliche Lagerbedingungen für Obst und Gemüse, aber ideal war es trotzdem nicht. Die Mitgliederzahl stagnierte, durch die Lage im Souterrain waren wir schlecht sicht- und erreichbar, für Rollstühle und Kinderwägen überhaupt nicht. Glücklicherweise wurde ein Lokal gleich ums Eck frei, im Jänner 2018 haben wir in der Weidlinger Straße eröffnet. Jetzt ist der Laden gut sichtbar – der Bus hält vor der Türe –, und die Mitgliederzahlen sind seither rasant gestiegen.
Breites Angebot
Dalida: Wir versuchen, alles anzubieten, was man täglich braucht. Wir haben auch Klopapier oder Putzmittel, die nachgefüllt werden können, im Programm. Lebensmittel versuchen wir größtenteils direkt beim Produzenten und möglichst in der Nähe zu kaufen. Die Kunden können nachschauen, wo die Lebensmittel herkommen, das festigt das Vertrauen. Wir haben aber auch etliche importierte Produkte, schließlich sind renommierte deutsche Biomarken oft deutlich billiger, als heimische und wir wollen ja, dass sich möglichst alle unsere Bioprodukte leisten können.
Mittlerweile sind auch die großen Supermarktketten auf den Zug aufgesprungen und führen viele jener Produkte, die man auch bei uns kriegt. Für unsere Mitglieder können wir diese aber immer noch günstiger anbieten.
Auch für Nichtmitglieder
Peter: Wir verstehen uns nicht als Nischenanbieter, der die Menschen missionieren will, wie das früher oft in Reformhäusern der Fall war. Wir versuchen einfach, den Anforderungen unserer Kundschaft gerecht zu werden. Wir verkaufen auch an Nichtmitglieder, aber zu anderen Preisen. Das gute Josef Brot etwa gibt es in Klosterneuburg nur bei uns, und so mancher Kunde kommt genau deswegen.
Um neue Kundenkreise zu erschließen, müssen wir mit den Supermärkten konkurrieren, die auf die Bequemlichkeit der Kunden setzen. Die haben zum Beispiel riesige Parkplätze – wir müssen uns etwas anderes einfallen lassen. Wir wollen daher eine Stromtankstelle für Elektroautos vor dem Geschäft installieren, was seitens der Gemeinde gerne gesehen und hoffentlich bald genehmigt und realisiert wird.
%MEDIUM-RECTANGLES%
Logische Erweiterungen
Eine große Küche dürfen wir leider nicht betreiben, aber seit kurzem haben wie die Genehmigung für eine kleine Schauküche, in der einfache Gerichte zubereitet werden können. Wir bieten Verkostungen, Kaffee und Kuchen sowie kleine Snacks an. Die Idee dahin ist, dass wir so wenig wie möglich von den wertvollen Lebensmitteln wegwerfen wollen. Bevor etwas verdirbt, kommt es sinnvollerweise in den Kochtopf. Dafür haben wir uns als Betrieb Bio-zertifizieren lassen – und werden auch regelmäßig und unangekündigt überprüft.
Unsere Kunden schätzen offensichtlich, dass wir Bio-Ware mit nachvollziehbarer Herkunft und Produktion anbieten, dass also bei uns Bio mehr ist, als eine Marketingschiene. Das und die Kundenbindung durch die Mitgliedschaft sind wohl der Grund dafür, dass wir – im Gegensatz zu den vielen kleinen Greißlern, die schon verschwunden sind – die Klosterneuburger noch lange mit nachhaltig und gesund produzierten Produkten versorgen werden!
Weiterlesen: Gemeinwohl-Ökonomie – was hinter dem neuen Wirtschaftsmodell steckt
Weiterlesen: Warum sich gerade Kleinunternehmen mit Nachhaltigkeit befassen müssen
Kommentare ( 0 )