Wie sich Kerstin Renner den Traum einer eigenen Teestube erfüllte
Weil ihr in Wien die typisch englischen Tea Houses abgingen, sattelte die Pädagogin um und eröffnete kurzentschlossen das Zeitgenossin.





Die typischen Tea Houses hatte Kerstin Renner im Zuge eines längeren England-Aufenthalts kennen und lieben gelernt. Zurück in Wien wollte sie ihre liebgewonnene Teezeremonie nicht mehr missen. Kurz entschlossen wechselte die Sozialpädagogin in die Gastronomie und eröffnete ihre eigene Teestube. Im Zeitgenossin serviert sie nun original englischen Cream Tea mit selbstgebackenen Scones.
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Seelennahrung entdeckt
Ich bin ausgebildete Sozialpädagogin. 2016 bis 2017 habe ich ein Schuljahr lang mit schwierigen Jugendlichen auf einem Schiff im Nordatlantik verbracht. Das klingt romantisch, ist aber recht stressig. Und so habe ich es mir zur Gewohnheit gemacht, an der englischen Küste bei meinen Landgängen immer ein Tea House aufzusuchen und bei einem klassischen Cream Tea zu entspannen.
Ein Cream Tea besteht aus Schwarztee mit Milch, dazu gibt es Scones mit Clotted Cream, eine Art Kuchen mit einer üppigen Rahmcreme – daher der Name – und Marmelade. Eigentlich ein kleiner Nachmittagsimbiss, aber auch echte Seelennahrung. Daheim in Österreich wollte ich die nicht mehr missen.
Bedarf geortet
Doch in Wien konnte ich kein Lokal finden, dass meinen Vorstellungen entsprach, und so beschloss ich irgendwann, selbst so einen Ort zu schaffen. Wobei die Scones und der Tee eigentlich nur ein Mittel zum Zweck sind, es geht mir um die soziale Interaktion, also darum, miteinander Zeit in entspannter Atmosphäre zu verbringen und sich auszutauschen. So kam es auch zum Namen des Lokals: Für die Zeit, die meine Gäste bei mir verbringen, bin ich ihre Zeitgenossin.
Standortsuche
Nachdem ich also wusste, dass ich einen Tee-Salon eröffnen wollte, machte ich mich daran, eine geeignete Location zu finden und die nötige Berechtigung zu erwerben. Das richtige Lokal zu finden war gar nicht so leicht, es werden erstaunlich hohe Ablösen für wenig interessante Objekte verlangt. Und ich wollte auch einen Standort, der bereits eine Betriebsanlagengenehmigung hat. Denn wenn man erst darum ansuchen muss, setzt das meist umfangreiche bauliche Auflagen und damit hohe Investitionen voraus. Und es bleibt auch immer ein gewisses Restrisiko, dass, nachdem die Vorgaben der einen Behörde erfüllt sind, die nächste wieder anders entscheidet.
Klein aber fein
Schließlich habe ich dann meinen jetzigen Standort in der Billrothstrasse 18 gefunden. In der Umgebung gibt es zahlreiche Schulen und Institute, die Straßenbahn hält direkt vor der Türe. Das garantiert, dass genügend potentielle Kunden vorbeikommen. Vor mir waren schon Gastronomiebetriebe drin, also waren alle Genehmigungen vorhanden. Das Lokal ist zwar recht klein, aber ich habe sowieso vor, den Laden alleine zu schupfen. Durch die offene Küche behalte ich leicht den Überblick und stehe gerne für Plaudereien bereit.
Mir war es auch wichtig für den Tagesbetrieb Rezepte ohne Eier zu entwickeln, da für diese ein extra Eiaufschlagplatz und zusätzliche Desinfektion der Fläche davor sowie danach benötigt wird. Dafür habe ich bei mehreren besetzten Tischen dann keine Zeit mehr. Meine Scones bestehen aus Weizen- und Roggenmehl und viel Butter, als Triebmittel kommt – und das macht das Gebäck zum Scone – Backpulver zum Einsatz
Konzession fürs Gastgewerbe
Um die Befähigung für das Gastgewerbe zu bekommen, habe ich einen Vorbereitungskurs am WIFI besucht. Rund vier Monate dauert die Vorbereitung auf die Prüfung, sie besteht aus einem schriftlichen Teil und einer mündlichen Prüfung vor einer Kommission.
Hätte ich fertig studiert, hätte ich mir die Prüfung übrigens ersparen können. Ein Studienabschluss von einer österreichischen Universität, egal welcher, ersetzt nämlich die Befähigungsprüfung für die Gastronomie. So habe ich halt vier Monate brav gelernt und genau ein halbes Jahr, nachdem ich vom Schiff gegangen bin, mein eigenes Café eröffnet.
Businessplan mit Hilfe des UGP
Um mein Lokal zu finanzieren, habe ich all meine Ersparnisse zusammengekratzt und einen Kredit aufgenommen. Ich musste dafür natürlich einen detaillierten Businessplan erstellt, dabei habe ich sehr vom UGP, dem Unternehmensgründungsprogramm des AMS profitiert: Ich habe eines der Consultingangebote in Anspruch genommen und mit professioneller Hilfe einen Finanz- und Geschäftsplan erstellt. Mir war von Anfang an klar: Das wird ein Wettlauf – Zeit gegen Geduld und Geld – ich würde zumindest ein Jahr benötigen, bis das Café etwas abwirft.
Leben vom Ersparten
Die Investitionen, Ablöse, Einrichtung und Geräte habe ich mit dem Kredit finanziert, für meinen Lebensunterhalt im ersten Jahr waren meine Ersparnisse geplant. Wobei ich im ersten Jahr sehr sparsam gelebt habe, so dass jetzt, im zweiten Jahr, die Ersparnisse noch immer nicht ganz aufgebraucht sind. Dass ist ein Glück, denn man kann gar nicht alle Eventualitäten einplanen: Kein Monat nachdem ich die vorhandene Einrichtung bezahlt hatte, sind die Kühlgeräte ausgefallen und die Reparatur hat mein Budget um weitere 1500 Euro belastet. Das sind Rückschläge, die einfach immer passieren können.
Genaue Rechnung
In meinem Businessplan habe ich einen Tagesumsatz von 300 Euro errechnet, um davon leben zu können. Erst, wenn ich diesen Umsatz erziele, springt auch für mich persönlich etwas raus. In den ersten Wochen ist man davon natürlich weit entfernt, Tage mit ganz schlechtem Geschäftsgang können einen schon sehr nervös machen. Doch sobald man merkt, dass sich das Geschäft über einen längeren Zeitraum betrachtet, positiv entwickelt, fasst man Mut. Mein Ziel, mir eine Reinigungskraft leisten zu können, das ist mir viel wichtiger als Servierpersonal , habe ich zwar noch nicht erreicht, ich erziele aber mittlerweile öfters über 200 Euro Tagesumsatz, somit ist der Break-Even erreicht.
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Mund-zu-Mund-Propaganda
Für Werbung und Marketing habe ich leider kein Budget, mittlerweile macht sich aber die Mund-zu-Mund-Werbung bemerkbar. Menschen, denen es hier gefallen hat, erzählen ihren Freunden davon, die dann auch irgendwann kommen. Es dauert halt seine Zeit. Auch über Facebook, das ja im Prinzip genauso funktioniert, kommuniziere ich regelmäßig.
Anfangs habe ich in erster Linie Produktfotos gepostet, bis ich mir eines Tages einen Bänderriss zugezogen habe und das mit einem lustigen Selfie kommuniziert habe. Darauf habe ich so viel Feedback wie nie zuvor bekommen. Es ist also genau so, wie ich es mir von Anfang an gewünscht hatte: Die Leute kommen schon auch wegen der Scones und dem guten Kaffee/Tee, offensichtlich ist ihnen aber der persönliche Kontakt und die Kommunikation mindestens genau so wichtig.
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